Und was willst Du jetzt noch werden?
„Was willst Du mal werden, wenn Du groß bist?“
Kennst Du diese Frage noch?
Ich glaube, die meisten von uns haben sie irgendwann in ihrer Kindheit gehört. Vielleicht wollten wir Tierärztin, Feuerwehrmann oder Lehrerin werden, zwischendurch waren auch Ritter, Prinzessin oder Fußballprofi noch eine durchaus realistische Option.
Alles lag irgendwie vor uns.
So ein bisschen wie eine große Kiste voller Möglichkeiten, aus der wir uns einfach bedienen konnten.
Doch irgendwann wurde aus dieser spielerischen Frage plötzlich eine ziemlich ernst gemeinte.
Was willst Du mal werden?
Plötzlich sollten wir uns entscheiden.
Also: Schule fertig machen, Ausbildung oder Studium wählen, Beruf finden und dann sollte man möglichst wissen, wo es langgeht.
Irgendwann haben wir uns dann entschieden. Wir haben einen Beruf gelernt, studiert, gearbeitet, vielleicht eine Familie gegründet, etwas aufgebaut und unser Leben gelebt.
Und damit war die Sache dann erledigt. Oder?
Denn was passiert eigentlich, wenn Du mit 35 feststellst, dass Dir Dein Beruf keinen Spaß mehr macht? Wenn Du mit 48 plötzlich eine Idee hast, die so gar nichts mit Deinem bisherigen Leben zu tun hat? Oder wenn Du mit 60 etwas entdeckst und denkst:
„Das würde ich wahnsinnig gerne ausprobieren.“
Dann kommt ziemlich schnell ein anderer Satz:
„Dafür bin ich doch viel zu alt.“
Wer sagt das eigentlich?
Es ist schon irgendwie verrückt.
Als junge Menschen sollen wir möglichst früh wissen, was wir aus unserem Leben machen wollen. Und haben wir uns erst einmal entschieden, behandeln wir diese Entscheidung manchmal so, als hätten wir einen Vertrag für den Rest unseres Lebens unterschrieben.
Dabei verändert sich doch ständig etwas.
Wir sammeln Erfahrungen, lernen neue Menschen kennen und entdecken Dinge, von denen wir mit 20 noch überhaupt nichts wussten. Unsere Interessen verändern sich und unsere Prioritäten ebenso.
Und natürlich verändern wir uns selbst.
Warum sollte also eine Entscheidung, die mit 18, 25 oder 30 richtig für uns war, zwangsläufig auch mit 40, 50 oder 60 noch richtig sein?
Aber seit wann gibt es eigentlich ein Alter, ab dem wir fertig sein müssen?
Vielleicht liegt es auch an dieser alten Frage nach dem „Was willst Du mal werden?“.
Denn irgendwie klingt sie so, als müssten wir irgendwann die richtige Antwort finden und uns für etwas entscheiden. Und wenn wir das getan haben, bleiben wir dabei.
Nur funktioniert Leben eben nicht so: Wir verändern uns.
Wir machen Erfahrungen, lernen dazu, entdecken neue Interessen und manchmal auch Seiten an uns, von denen wir früher noch gar nichts wussten.
Etwas, das mit 25 genau richtig für Dich war, muss mit 45 nicht mehr passen.
Und etwas, von dem Du mit 30 noch überhaupt nichts wissen wolltest, kann Dich mit 55 plötzlich begeistern.
Etwas Neues zu wollen bedeutet nicht, dass das Alte falsch war.
Und es bedeutet nicht, dass Du Dich damals falsch entschieden hast.
Ich finde diesen Gedanken wichtig.
Vielleicht liegt genau darin einer der Gründe, warum Veränderungen uns manchmal auch so schwerfallen.
Denn plötzlich kommen die Zweifel.
Habe ich mich damals falsch entschieden?
Habe ich Zeit verschwendet?
Hätte ich viel früher etwas anderes machen sollen?
Warum merke ich das denn erst jetzt?
Aber vielleicht hast Du Dich damals gar nicht falsch entschieden.
Vielleicht hast Du gar nichts verpasst.
Vielleicht hast Du Dich mit dem Wissen entschieden, das Du zu diesem Zeitpunkt hattest, inkl. Deinen damaligen Möglichkeiten, Deinen Wünschen und Deinen Vorstellungen vom Leben.
Und vielleicht war diese Entscheidung für viele Jahre genau richtig.
Dass sie heute nicht mehr passt, macht sie rückwirkend nicht falsch.
Heute weißt Du eben mehr.
Heute kennst Du Dich anders.
Und heute möchtest Du vielleicht etwas anderes.
Du musst Dein bisheriges Leben nicht schlecht reden, nur weil Du heute etwas anderes möchtest.
Du darfst stolz darauf sein, was Du bisher gemacht und aufgebaut hast. Auf das, was Du gelernt hast, auf Deine Erfahrungen und auch auf Deine Umwege.
Vielleicht sogar auf die eine oder andere Entscheidung, die Du heute anders treffen würdest.
Denn auch sie gehört zu Dir.
Und trotzdem darfst Du heute sagen:
„Ich möchte noch einmal etwas anderes.“
Vielleicht möchtest Du einen neuen Beruf lernen, Dich selbstständig machen, ein Instrument spielen und eine neue Sprache lernen. Alleine verreisen oder noch einmal studieren. Einen Kurs besuchen, bei dem Du keine Ahnung hast, ob Du Dich besonders geschickt anstellen wirst.
Und Du darfst mit 40, 50, 60 oder 70 plötzlich eine Idee haben und denken:
„Das würde ich gerne einmal ausprobieren.“
Ohne daraus sofort einen neuen Fünfjahresplan machen zu müssen.
Vielleicht gefällt es Dir ja, vielleicht stellst Du nach drei Monaten fest: War doch nichts.
Na und?
Nicht alles, was wir ausprobieren, muss für immer sein.
Als Kinder konnten wir das übrigens ziemlich gut.
Wir wollten heute Tierärztin werden und nächste Woche Astronautin. Niemand von uns saß mit acht Jahren da und dachte:
„Moment… wenn ich mich jetzt für Astronautin entscheide, verbaue ich mir möglicherweise meine berufliche Zukunft als Tierärztin.“
Zum Glück: Vielleicht sollten wir uns ein kleines Stück dieser Freiheit zurückholen.
Nicht indem wir alles hinschmeißen, was wir uns aufgebaut haben.
Sondern indem wir aufhören zu glauben, dass unser bisheriger Weg festlegt, wie der Rest unseres Lebens aussehen muss.
Denn irgendwann haben wir aus „Was willst Du mal werden?“ offenbar „Was musst Du für immer bleiben?“ gemacht.
Dabei bist Du doch schon längst jemand.
Du musst niemandem mehr beweisen, dass aus Dir „etwas geworden“ ist.
Und trotzdem darfst Du neugierig bleiben.
Du darfst lernen, ausprobieren, Deine Meinung ändern und neue Wege einschlagen.
Vielleicht sollten wir uns deshalb gar nicht mehr fragen:
„Was willst Du mal werden?“
Und was möchtest Du noch ausprobieren?
Vielleicht gibt es da schon länger etwas, das Dich reizt. Eine Idee, einen Wunsch oder etwas, bei dem Du immer wieder denkst: „Eigentlich würde ich ja gerne …“
Und vielleicht kommt direkt danach das große Aber.
Zu spät… zu unsicher… zu unvernünftig… zu alt.
Dann frag Dich einmal nicht, warum es nicht geht, sondern:
Was wäre, wenn ich es einfach ausprobieren dürfte?
Vielleicht bist Du nämlich nicht zu alt. Vielleicht bist Du einfach nur älter als beim letzten Mal, als Du etwas zum ersten Mal gemacht hast.
Du musst schließlich dafür nicht Dein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Manchmal reicht ein erster kleiner Schritt, um herauszufinden, ob etwas Neues überhaupt zu Dir passt.
Und wenn Du merkst, dass es vor allem Deine eigenen Zweifel sind, die Dich zurückhalten, dann begleite ich Dich gerne dabei, ein bisschen Ordnung in dieses Gedankenchaos zu bringen.
Denn Du musst nicht noch jemand werden.
Ich finde, Du darfst einfach herausfinden, was noch alles in Dir steckt.
Herzlichst,