Warum fallen uns Komplimente manchmal so schwer und was hat das eigentlich mit dem Selbstbild zu tun?
Aussage: „Das hast Du wirklich toll gemacht!“
Deine Reaktion: „Ach, das war doch nichts.“
Kennst Du das?
Jemand macht Dir ein Kompliment, und noch bevor Du Dich darüber freuen kannst, hast Du es schon wieder kleingeredet.
„Das kann doch jeder.“
„Da hatte ich einfach Glück.“
„So besonders ist das nun wirklich nicht.“
Manchmal sind wir erstaunlich schnell darin, etwas Schönes, das jemand über uns sagt, wieder vom Tisch zu wischen.
Und das Verrückte daran: Oft merken wir es nicht einmal.
Die Antwort kommt ganz automatisch.
Warum eigentlich?
Das war doch selbstverständlich!
Stell Dir vor, Du hast für Freunde gekocht.
Du hast eingekauft, geschnippelt, vorbereitet und vielleicht sogar ein neues Rezept ausprobiert.
Und alle sind begeistert.
„Mensch, das schmeckt fantastisch!“
Und? … Was antwortest Du da drauf?
„Ach, das war doch ganz einfach.“
Vielleicht war es für Dich tatsächlich einfach.
Vielleicht kochst Du einfach gerne und kannst es gut.
Aber macht es das deswegen weniger wertvoll?
Nur weil uns etwas leichtfällt, bedeutet das doch noch lange nicht, dass es nichts Besonderes ist.
Und genau da liegt, glaube ich, ein Teil des Problems.
Was wir gut können, nehmen wir selbst irgendwann gar nicht mehr als Stärke wahr.
Wir sehen viel schneller das, was uns nicht gelingt.
Das, was wir noch verbessern könnten.
Das, was andere vielleicht besser können.
Und übersehen dabei, was längst da ist.
Bloß nicht eingebildet wirken
Vielleicht hast Du als Kind auch solche Sätze gehört:
„Eigenlob stinkt.“
„Sei nicht so eingebildet.“
„Jetzt bild Dir bloß nichts darauf ein.“
Vielleicht hast Du gelernt, dass man bescheiden sein soll.
Dass man nicht auffallen darf.
Dass es besser ist, seine eigenen Leistungen herunterzuspielen.
Aber seit wann ist es denn bitteschön eingebildet, sich über ein ehrliches Kompliment zu freuen?
Zwischen Arroganz und dem Wissen um die eigenen Stärken liegt doch ein gewaltiger Unterschied.
Und trotzdem fällt es uns oft genug schwer, einfach nur „Danke“ zu sagen. Einfach nur „Danke“.
Vielleicht, weil wir nicht auffallen möchten.
Vielleicht, weil wir Angst haben, arrogant zu wirken.
Oder vielleicht, weil das, was jemand gerade über uns sagt, überhaupt nicht zu dem Bild passt, das wir von uns selbst haben.
Und jetzt wird es interessant.
Was glaubst Du eigentlich über Dich selbst?
Stell Dir vor, jemand sagt zu Dir:
„Du bist wirklich gut in dem, was Du tust.“
Was hörst Du? Meldet sich sofort eine innere Stimme?
So gut bin ich gar nicht.
Andere können das viel besser.
Wenn der wüsste, wie unsicher ich manchmal bin.
Woher kommen diese Gedanken?
Vielleicht hast Du irgendwann gelernt, dass Deine Leistung nie ganz ausreicht.
Vielleicht wurdest Du häufig kritisiert und nur selten gelobt.
Oder Du hast Dir selbst über viele Jahre erzählt, dass Du nicht besonders gut, nicht besonders klug oder einfach nicht gut genug bist.
Solche Überzeugungen können schon ziemlich hartnäckig sein, und irgendwann werden sie dann leider auch noch zu einem Teil des Selbstbildes.
Jetzt passiert Folgendes:
Jemand sieht etwas Positives in Dir, aber Du kannst es kaum glauben.
Nicht unbedingt, weil der andere übertreibt.
Sondern weil seine Worte nicht zu dem passen, was Du selbst über Dich denkst.
Warum glauben wir Kritik manchmal schneller als einem Kompliment?
Und nun Hand aufs Herz: Jemand kritisiert Dich.
Vielleicht war es nur eine beiläufige Bemerkung, vielleicht sogar eine ziemlich unbedachte, und trotzdem beschäftigt sie Dich noch Stunden später.
Du gehst das Gespräch immer wieder durch.
Fragst Dich, ob der andere vielleicht recht hat.
Ob Du tatsächlich etwas falsch gemacht hast.
Und dann macht Dir eben jemand ein ehrliches Kompliment, Du freust Dich kurz und fünf Minuten später ist es vergessen.
Ist das nicht verrückt?
Natürlich reagieren nicht alle Menschen so, aber vielleicht erkennst Du Dich darin wieder.
Manchmal nehmen wir negative Aussagen deshalb so schnell an, weil sie etwas bestätigen, das wir ohnehin schon über uns glauben.
Ein Kompliment dagegen stellt dieses Bild total infrage.
Um genau zu sein, kann sich ein Kompliment erstaunlich ungewohnt anfühlen.
Denn plötzlich steht da jemand, der etwas Gutes in Dir sieht, das Du selbst kaum wahrnehmen kannst.
Ein Kompliment kann auch Druck machen
Da gibt es noch etwas, das wir dabei leicht übersehen.
Manchmal ist ein Kompliment nicht nur schön, es kann auch Erwartungen wecken.
„Du bist immer so stark.“
Und plötzlich denkst Du:
Jetzt darf ich bloß keine Schwäche zeigen.
„Auf Dich kann man sich immer verlassen.“
Und schon entsteht das Gefühl, dass Du niemanden enttäuschen darfst.
„Du machst das immer so perfekt.“
Und was ist, wenn es beim nächsten Mal nicht perfekt wird?
Dann kann aus Anerkennung ganz schnell Druck werden.
Nicht unbedingt, weil der andere das beabsichtigt, sondern weil wir aus seinen Worten eine Verpflichtung machen.
Vielleicht darfst Du Dir aber mal an dieser Stelle etwas erlauben:
Du darfst für etwas gelobt werden, ohne es ab sofort immer leisten zu müssen.
Du darfst stark sein und trotzdem schwache Momente haben.
Du darfst etwas gut können und trotzdem Fehler machen.
Ein Kompliment ist schließlich kein Vertrag für die Zukunft.
Ein Kompliment ist keine Prüfung
Ich glaube, wir machen es uns manchmal unnötig schwer.
Denn ein Kompliment ist doch keine Behauptung, die wir erst einmal überprüfen und gegebenenfalls widerlegen müssen.
Es ist die Wahrnehmung eines anderen Menschen. Fertig.
Jemand hat etwas Schönes gesehen, erlebt oder empfunden und möchte es Dir sagen.
Nicht mehr und nicht weniger.
Natürlich musst Du nicht jedes Kompliment für wahr halten. Manchmal sind Komplimente übertrieben, unpassend oder nicht ehrlich gemeint.
Aber vielleicht dürfen wir aufhören, jedes freundliche Wort über uns sofort zu entkräften.
Du musst nicht beweisen, dass Du das Kompliment verdient hast.
Du musst auch nicht sofort eines zurückgeben.
Und Du musst schon 3x nicht erklären, warum es eigentlich gar nicht stimmt.
Vielleicht reicht beim nächsten Mal ein Einfaches:
„Dankeschön, das freut mich.“
Und dann lässt Du die Worte einfach einmal stehen, auch wenn es sich zunächst komplett ungewohnt anfühlt.
Und was wäre denn, wenn der andere auch recht damit hat?
Diese Frage möchte ich Dir gerne mitgeben:
Was wäre eigentlich, wenn der Mensch, der Dir gerade ein Kompliment gemacht hat, tatsächlich etwas an Dir sieht, das Du selbst noch gar nicht richtig erkannt hast?
Was wäre, wenn Du wirklich gut in etwas bist?
Wenn Du tatsächlich eine Stärke hast, die anderen auffällt?
Wenn Du liebenswert bist, auch ohne ständig etwas leisten zu müssen?
Hmmm?!
Vielleicht musst Du nicht jedes Kompliment sofort glauben, aber Du könntest zumindest zulassen, dass es wahr sein könnte.
Und unter Umständen ist genau das der kleine Schritt zu einem anderen Blick auf Dich selbst.
Mein Gedanke für Dich
Wir wünschen uns Anerkennung und Wertschätzung.
Wir möchten gesehen werden.
Und trotzdem fällt es uns unglaublich schwer, genau das anzunehmen, wonach wir uns eigentlich sehnen.
Aber vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Kompliment einen Moment innezuhalten.
Nicht, um zu überlegen, ob der andere recht hat, sondern um Dich zu fragen:
Warum fällt es mir gerade so schwer, das anzunehmen?
Denn manchmal erzählt unsere Reaktion auf ein Kompliment mehr darüber, wie wir uns selbst sehen, als über das, was der andere gesagt hat.
Und vielleicht dürfen wir anfangen, uns selbst ein bisschen mehr zuzutrauen…auch das Gute, das andere längst in uns sehen.
Manchmal sind es gar nicht die Worte der anderen, die uns im Weg stehen, sondern das, was wir selbst über uns glauben.
Wenn Du merkst, dass Du Deine eigenen Stärken immer wieder kleinredest und Dir selbst nur schwer etwas Gutes zugestehen kannst, begleite ich Dich gerne dabei, diese alten Überzeugungen zu hinterfragen und einen neuen Blick auf Dich selbst zu entwickeln.
Vereinbare gerne dein kostenfreies Erstgespräch, per Telefon oder live in meiner Praxis in Pentling bei Regensburg.
Herzlichst,
PS: Natürlich muss nicht hinter jedem heruntergespielten Kompliment ein mangelnder Selbstwert stecken. Manchmal sind wir einfach verlegen oder wissen nicht, was wir antworten sollen.
Aber wenn Du merkst, dass Du positive Worte über Dich regelmäßig anzweifelst, lohnt es sich vielleicht, genauer hinzuschauen.